Wie ich mir vornahm, ein informierter, kritischer, politischer Mensch zu werden (Und was aus dem Vorsatz wurde)

In der Schule schrieb ich stets Bestnoten in politischer Bildung, aber das hieß nicht, dass ich gut informiert war. Natürlich verstand ich theoretische Grundlagen der Demokratie in Deutschland, doch mir fehlte die zeitgemäße Perspektive. So muss ich gestehen, dass ich nie die Nachrichten verfolgte. Durch ein Schulprojekt hatte ich Zugriff auf ein kostenloses FAZ-Abonnement, doch die Unmengen an Neuigkeiten verschwanden meist komplett ungelesen im Papierkorb. Mir war es zu anstrengend, mich in diese vermeintlich riesengroßen Themen einzuarbeiten, mich mit den Namen der Hundertschaft von Politikern vertraut zu machen, aktuelle Debatten in Pro und Contra nachzuvollziehen und so zu einer wirklich informierten Meinung zu kommen. Grund für mein politisches Desinteresse war also ein nicht zu unterschätzendes Maß an Faulheit und andere Themen, die mich viel direkter betrafen und meine Zeit beanspruchten.
Politische Sympathien besaß ich hingegen schon damals, jedoch basierten diese eher auf grundsätzlichen, moralischen Vorstellungen und Halbwissen als auf Parteiprogrammen, die mich überzeugten. Um ehrlich zu sein, war die Partei, die mir der „Wahl-O-Mat“ als favorisierte ausspuckte, auch jene, der ich mich fortan verbunden fühlte.
Und so ging ich wählen, äußerte vage politische Standpunkte, vermied aber alles Tagesaktuelle gekonnt. Es ist ja auch nicht so, dass man zwingend immer alles aus zehn verschiedenen Quellen betrachten muss, um eine Meinung zu haben. Natürlich dürfen einem etliche Themen der politischen Tagesordnung auch schlicht egal sein. Manchmal kann einem die Zeit fehlen, informiert zu bleiben. Doch bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass es von unschätzbarem Wert ist, wenigstens grob auf dem aktuellen Stand zu sein, was Politik, aber auch Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur angeht.
Es gab da einen Schlüsselmoment im September letzten Jahres, an dem ich beschloss, dass mein komplettes Unwissen so nicht mehr bestehen bleiben konnte. Durch Jahre der sehr selektiven Informationszufuhr – und zwar von allem, was für mich leicht verständlich und interessant war – hatte ich richtige „blind spots“ bekommen. So sagte mir beispielsweise der Name Viktor Orban erst einmal nicht viel, als er in einer Freundesrunde fiel. Nach anschließendem Belesen packte mich der Scham und der Frust mit mir selbst: Wie konnte es sein, dass ich so wichtige gesellschaftliche Umbrüche verpasste? Und das obwohl ich Bücher las, studierte, kurzum: der Bildung nicht abgeneigt war?
Ich begann mit der Tagesschau, die mich beim ersten aufmerksamen Schauen prompt überforderte. Da waren sie, die gefürchteten Unmengen an unbekannten Sachverhalten, Namen, Beziehungsgeflechten. Jedoch hielt ich durch und einige Sendungen später begann ich einige Themenschwerpunkte zu verstehen, neue Entwicklungen einordnen zu können… Diese Erfolgserkenntnis machte mich so glücklich, dass ich im November die „Zeit“ abonnierte, um das tägliche „Alles-Wichtige-in-15-Minuten“ noch besser zu verstehen und zu vertiefen. Auch hier: Nach anfänglicher Überforderung entwickelte ich Freude bei der Lektüre. Die Zeitungen landeten nun nicht mehr nur im Altpapier.
Noch immer informiere ich mich auf diese Arten, und mag das Gefühl, im Bilde zu sein. Das soll nicht heißen, dass mir nicht auch einiges entgeht, oder dass ich zu allem eine fundierte Position beziehen kann. Doch ich weiß Bescheid, im Groben und Ganzen.

Das Projekt „Informierter, kritischer, politischer Mensch werden“ wird nie abgeschlossen sein, doch ich weiß die Anstrengung des Informiertbleibens mittlerweile sehr zu schätzen.

Ein Kommentar zu „Wie ich mir vornahm, ein informierter, kritischer, politischer Mensch zu werden (Und was aus dem Vorsatz wurde)

  1. Eine wichtige Entwicklung und ganz schon motivierend. Ich kenne das auch aus dem Studium, oberste Priorität haben fachliche Texte/ Aufgaben für die Uni. Wenn man diese schon nicht schafft hat man ein schlechtes Gewissen – hat man dann doch mal frei und noch die Muße zu lesen, so greift man doch eher zum Roman, eine Tageszeitschrift würde erst an dritter Stelle kommen. Dabei ist es, wie du sagst, ein wichtiges Thema!

    Viele Grüße
    Annika von https://jurastudentin.blog/

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