Das Leben ist keine Einbahnstraße

…außer du möchtest, dass es das ist. Es warten jedoch so viele Möglichkeiten am Rande des Weges, es gibt so viele Abzweigungen und Seitenstraßen. Nur stur geradeaus zu gehen kann einen daher Dinge verpassen lassen. Aber auch dies wäre nicht weiter schlimm. Solange du das Leben führst, welches du führen möchtest, welches dich erfüllt und glücklich macht, kannst du gar nichts verpassen. Wenn du deinen Weg kennst und gefunden hast, dann kann es auch einfach irrelevant sein, was woanders auf dich warten könnte. Wie im Straßenverkehrt entscheidet deine Entscheidung alles. Mit dem Unterschied, dass dein Leben nur dann aus Einbahnstraßen besteht, wenn du es auch möchtest. Ansonsten kannst du jederzeit umdrehen, abbiegen, stehen bleiben oder voran schreiten, wie es dir beliebt. Im Verkehr droht dir insofern gegebenenfalls ein Bußgeld.

All die Chancen, Versuchungen und Wahlmöglichkeiten am Rande des Weges. Wie soll man sich da etwas sicher sein? Wenn einem die Gesellschaft ständig vorlebt, dass alles schneller, höher, weiter geht, kann man sich seiner doch gar nicht so sicher sein, oder? Auch diese Unsicherheit ist eines jeden Entscheidung. Lässt du dich beeinflussen, dann ist es deine Entscheidung. Vielleicht eine unbewusste, aber eine Entscheidung. Es wird deutlich: das Leben resultiert aus all den Entscheidungen, die wir treffen. Willentlich oder unbewusst. Zugunsten der Entscheidung für etwas muss man sich zumeist gegen etwas anderes entscheiden, denn keiner kann schlichtweg auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Das ist unmöglich. Allerdings bedeutet es nicht, dass wir Entscheidungen nicht revidieren, korrigieren oder erweitern können. Nur weil wir im entscheidenden Moment etwas wollen, später aber bemerken, wir wollen etwas anderes, warum soll das nicht möglich sein? Wir sind Herr unserer Entscheidungen. Daher können wir diese auch frei wandeln. Dies bedeutet nicht gescheitert zu sein, es bedeutet aktiv und selbstbestimmt zu leben. Wir können heute doch gar nicht wissen, was unser zukünftiges Ich in 10 Jahren will. Wenn dieses Ich andere Entscheidungen trifft, warum denn nicht? Wir Menschen sind keine Bäume, die an einem Ort Wurzeln geschlagen haben. Wir sind Boote, die den Anker auswerfen, ihn aber auch genauso gut wieder lichten können.

Ich wusste genau, was ich wollte – bis ich es nicht mehr wusste. Weil ich mich eben einmal entschieden hatte, was ich wollte. Damals. Mein jüngeres Ich. Schon vor dem Ende der Schulzeit und vor dem Abi  in der Hand war klar, welchen Weg ich anschließend beschreite: Studium in Regelstudienzeit, straight durchziehen wie die Schule und dann mit Mitte 20 voll ins Berufsleben einsteigen und arbeiten. Bestenfalls noch zwischen 20 und 30 heiraten und (die ersten) Kinder bekommen. Das war so sicher in meinem Kopf verankert wie das Amen in der Kirche. Dies wurde mir als Dorfkind auch größtenteils als Idealbild vorgelebt. Mein 18-jähriges Ich und ich lachen immernoch. Wie absurd ist es denn bitte, dass man mit 18 schon von allem einen genauen Plan haben soll? Für die (bestenfalls) restlichen 70 Jahre seines Lebens. Das ist doch völliger Blödsinn. Wir wissen doch nicht einmal, was wir nächste Woche essen, was wir Weihnachten verschenken, wo wir in einem Jahr sein werden. Geschweige denn, ob es uns in einem Jahr überhaupt noch gibt. Das Leben ist fragil. Von einem Moment auf den nächsten kann es vorbei sein. Und da sollen wir ernsthaft mit 18 den Plan unseres gesamten Lebens haben? Ja, nee, ist klar. Und wer bestimmt im Fall des Falles, ob unser Plan gescheitert ist? Das kann von außen niemand. Niemand muss mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen leben. Das müssen nur wir, die sie treffen. Ich rate dir also kühn: höre dir Ratschläge von anderen an und suche sie, aber mache sie nicht zur einzigen Grundlage deiner Entscheidungen. Deine Ratgeber müssen schließlich nicht mit den Konsequenzen leben. Sie können dir, je nach Motiv, das Blaue vom Himmel erzählen, es betrifft sie ja nicht. Letztlich geht es darum zu leben und leben zu lassen. Alles kann, nichts muss. Außer, ich wiederhole es, es ist deine eigene Entscheidung und du möchtest es. Vieles wird einem erst auf dem Weg bewusst, viele Möglichkeiten tauchen erst am Rande des Weges auf. Mit 18 kann doch noch keiner wissen, was das Leben für ihn bereit hält, womit es einen belohnt, straft oder herausfordert. Auch wenn eine Entscheidung für etwas immer zugleich die Entscheidung gegen etwas ist, müssen wir doch an der nächsten Kreuzung wieder eine neue Entscheidung treffen. Vielleicht entscheidest du dich dann doch für das zunächst abgelehnte. Warum auch nicht? Vielleicht hast du neue Informationen und Hintergründe erhalten und die Basis deiner Entscheidungen hat sich verändert. Vielleicht hast du quasi wie in einem Videospiel erst das nächste Level erspielt und konntest neue Abzweigungen zuvor gar nicht sehen.

Sich eingestehen zu müssen eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, ist hart, aber nicht das Ende. Erfahrungen, Menschen, Umstände und Informationen bedingen unsere Entscheidungen. Sie sind im Fluss und im Wandel. Deshalb sind es auch unsere Entscheidungen. Diese können wir x-beliebig beeinflussen. Nicht aber deren Konsequenzen. Diese müssen wir annehmen und damit umgehen. Aber solange wir nicht bewusst entscheiden, dass eine getroffene Entscheidung falsch war, wer sagt uns dann, dass sie falsch war? Vielleicht bringt sie uns genau da hin, wo wir hin wollten. Oder an einen viel besseren Ort. Alle Wege führen nach Rom heißt es ja bekanntlich. Und dass man nicht immer aufs Navi hören soll, wenn es einen zum Abbiegen oder Wenden auffordert, ist spätestens seit Fahrten in den Fluss und Geisterfahrern auch allseits bekannt.

Man kann schon raus lesen, mein 18-jähriges Ich hätte wenig von dem Weg vorher gesehen, den ich (bislang) gegangen bin. Okay, es hatte Recht (trockendster Wortwitz ever xD!), dass ich als Jurist mit Leib und Seele ende, aber es hatte diesbezüglich auch einen Tunnelblick. Ein Mensch kann so viel mehr sein und ist auch so viel mehr. Unendliche Möglichkeiten bedeuten auch vielfältige Interessen. Natürlich ist es auch legitim, sich nur für eine Sache wirklich zu interessieren und zu begeistern, wenn man das will. Aber man kann auch mehrere Sachen gleichzeitig gleich viel lieben. Auch Menschen. Ich könnte beispielsweise auf Anhieb nicht sagen, ob ich meine Mutter oder meinen Vater mehr liebe. Anders herum ist es auch vollkommen in Ordnung genau das sagen zu können. Entscheidungen, es geht immer um Entscheidungen.

Nichtsdestotrotz ist es leider manches Mal so, dass man nicht so kann, wie man gerne möchte. Die Gründe können vielfältig sein. Wir müssen mit den Gegebenheiten versuchen das Beste raus zu holen. Oder eben bewusst nur low key zu fahren. Das muss jeder für sich entscheiden. Es ist auch nichts verkehrt daran nicht ständig nach höher, weiter oder besser zu streben. Ständige Selbstoptimierung ist ein Kann, kein Muss. Gleichzeitig kann man sich auch selbst lieben und trotzdem optimieren wollen. Das eine schließt das andere nicht zwingend aus. Man kann zum Beispiel im Privaten stets besser werden wollen, das heißt vielleicht umsichtiger, einfühlsamer, geduldiger. Im Beruf kann einem eine bestimmte Position aber völlig ausreichen und erfüllen. Wir Menschen sind vielschichtig und haben so viele Facetten. Ein Label ist niemals genug. Dafür gibt es zu viele Optionen, die uns dieses Leben bietet. Wichtig ist nur, dass du selbst entscheidest, wo du hin willst. Es entscheidet sich nicht danach, woher du kommst, sondern wohin du aktiv auf der Reise bist. Triff also aktiv Entscheidungen und lass das Leben dir nicht nur so passieren!

Es ist traurig, dass zu Lebzeiten immer versucht wird, einem Menschen einen Stempel aufzudrücken und ihn in Schubladen zu stecken, nur damit ein anderer ihn besser einordnen und mit ihm umgehen kann. Erst in Todesannoncen ist es selbstverständlich, dass jemand beispielsweise „Mutter, Schwester, Kollegin, Freundin und Kegelkumpanin“ gleichzeitig sein kann. Im Tode bringt diese Freiheit keinem mehr etwas. Wir müssen frei leben können. Nur Sklave unserer eigenen Entscheidungen. Und wenn ich mich als Läufer bezeichnen möchte, vielleicht aber nur einmal die Woche laufen gehe, so what? Wer hat zu entscheiden, dass es nicht so ist? Dass es zumindest in meinem Weltbild und meiner Realität nicht so ist? Dass ich mich entschieden habe, genau das zu sein und das nach meiner Definition auch bin?

Das Leben ist bunt und laut. Es ist keine Einbahnstraße. Es ist das, was du daraus machst. Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag, jedes Jahr. Dein ganzes Leben lang, solange du lebst.

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